Der Weg zurück nach Weihnachten

Der Weg zurück nach Weihnachten

Juli war es – wenn man das Wetter außer Acht ließ. Ansonsten eher November. Vielleicht deswegen fand sie sich dabei, über Weihnachten nach zu denken. Hatte das Jahr den Zenit überschritten und wurden die Tage kürzer, schien es ihr, als würde die ganze Welt beginnen, sich auf das Jahresende einzustimmen, dessen größtes Fest eben Weihnachten war. Das Weihnachtsgeschäft der Konsumentengemeinde begann bereits im Oktober. Und regelmäßig jedes Jahr geschah es, dass sie sich zurücksehnte. In die Kindheit, die Zeit der Wunder und der Vorfreude. In die Zeit, in der es für sie und viele andere die wichtigen Dinge im Leben noch in keinem Laden zu kaufen gab. In der Worte wie: „Zärtlichkeit, Wärme, Geborgenheit“, noch einen Sinn machten, der unabhängig war von Konsumgütern und deren Besitz.

In ihrem eigenen Leben spielten diese Konsumgüter bis heute keine Rolle. Aber obwohl sie sich den Zeichen der Zeit verweigerte, fand sie doch die andere Seite nicht wieder. Sie liebte Bilder von Adventskränzen, sah sie einen Kamin und Kerzen, wurde ihr warm – aber jeder Versuch, dieses tief in sich verschlossene Gefühl wieder zu leben, scheiterte. Die Realität sah eben anders aus und ihre romantische Ader verschloss sie – tiefer und tiefer.

Wie, um sie aus ihren Gedanken zu reißen, öffnete sich im gleichen Moment ihr Email-Melder am PC. „Besser ist das!“, sprach sie halblaut und mehr zu sich selbst, als zu der silbergrauen Katze auf ihrem Schreibtisch und wechselte die Bildschirmansicht, um einen Blick in die eingegangene elektronische Post zu werfen. Doch die einzige eingegangene Mail darin, ließ sie stutzen und schaudern zugleich.

Seitenfüllend das Bild eines Weihnachtszimmers: Auf dem Tisch ein Adventskranz mit vier brennenden Kerzen, ein Kamin und dahinter ein schön geschmückter, hell strahlender Weihnachtsbaum, unter dem sich Päckchen und Pakete festlich verschnürt, nur so stapelten. Fast meinte sie, den Duft der Kekse in der Schale auf dem Tisch zu riechen, das Knacken des Feuers im Kamin zu hören und lange Minuten verweilte sie in seiner Betrachtung, bis sie meinte, die Flammen würden sich bewegen. Dann schalt sie sich eine Närrin und machte die Email zu, löschte sie, ohne ihr auch nur einen weiteren Blick zu schenken. Aber während sie arbeitete, konnte sie sich nicht dagegen wehren, dass immer wieder dieses Bild vor ihrem inneren Auge auftauchte.

In den nächsten Tagen hatte sie wenig Zeit, an Weihnachten zu denken. Die kleineren und größeren Alltagsprobleme forderten ihre völlige Aufmerksamkeit und fast schon hatte sie die Email vergessen, als sie diese genau eine Woche später wieder in ihrem Mailpostfach fand.

Erneut fesselte das Bild ihre Aufmerksamkeit. Immer noch enthielt die Mail kein einziges Wort doch irgendetwas war anders. Bei genauer Betrachtung sah sie es. Die Kerzen am Weihnachtsbaum brannten nicht mehr. Was hatte das zu bedeuten? Sie warf einen Blick auf die Absenderadresse: noreply@weihnachten.de. Es wunderte sie nicht, als sie feststellen musste, dass die Domain zwar vorhanden, aber nicht aktiv war. Wenn man ein wenig mehr über die Bedeutung der Mailadresse nachdachte, kam man nämlich auf mehr als eine Bedeutung. „no reply“ hieß auf Deutsch „keine Antwort“ – und es gab tatsächlich keine Antwort auf Weihnachten. Es gab nichts, das in der Lage wäre, dieses spezielle Gefühl zu ersetzen. Das konnte nur Weihnachten. Aber auch da gab sie dem Bild und seiner Entwicklung recht – Weihnachten drohte, seinen Glanz zu verlieren. Und ihr war jetzt – obwohl inzwischen draußen wieder über 30 Grad herrschten, nach Kerzenlicht. Den Rest des Tages begleitete ihre Arbeit eine brennende Kerze.

Diesmal vergingen zwei Wochen bis zur nächsten Mail. Es wunderte sie nicht, als sie feststellte, dass das vorher hoch lodernde Feuer zu einem glimmenden Aschehaufen verbrannt war und dem Bild ein weiteres Stück Licht – und Wärme nahm. Trauer machte sich in ihrem Herzen breit – Trauer, und der Wunsch etwas gegen diese, inzwischen sicher scheinende, Entwicklung zu tun. Ein weiteres Mal rief sie die dazu gehörige Domain auf – und diesmal stand dort: „In Vorbereitung“. Wer immer hinter diesen Emails steckte, er dachte sich etwas dabei Sie selber dachte inzwischen eben so viel und fand sich bei dem Entschluss wieder, dieses Jahr Weihnachten nicht so spurlos an sich vorbei gehen zu lassen, wie sie es die letzten Jahre getan hatte. Dieses Jahr wollte sie den Advent bewusst erleben, die Zeit der Vorbereitung auf die Ankunft des Christuskindes ganz für sich nutzen und sich selbst einstimmen auf das Gefühl in ihrem Herzen. Niemand außer ihr wäre in der Lage, für sie wiederzufinden, was ihr seit den Kindertagen mehr und mehr verloren gegangen war. Und sie allein würde den Weg gehen müssen – zurück in die Zeit – zurück zu sich selbst. Was genau bedeutete für sie „Weihnachten“? Waren es Gerüche? Farben? Kerzen? War es die allgemeine Feierlichkeit oder der Schmuck? Waren es Lichterglanz und strahlende Kinderaugen? Alle diese Fragen galt es zu beantworten – und das Ganze vor Dezember – denn, am Ende der Adventszeit sollte dieses Jahr für sie wieder „Weihnachten“ stehen. Weihnachten für das Herz – nicht für den Kommerz.

Den scheinbar noch früher als sonst stattfindenden diesjährigen Weihnachtskommerz sah sie daher aus einem ganz anderen Blickwinkel. Statt sich davon genervt zu fühlen, nahm sie aktiv teil, nutzte die Zeit für ihre eigenen Vorbereitungen. Es galt Kerzen zu erstehen, Lichterketten und Schmuck, denn in ihrem Haushalt war für all das in den letzten Jahren kein Platz mehr gewesen. Dem Wunsch, sich aus Bequemlichkeit für einen künstlichen Tannenbaum zu entscheiden, widerstand sie. Gehörte nicht auch das dazu? Das Kaufen des Baums kurz vor dem Fest in Eis und Schnee. Der Transport mit beinahe tiefgefrorenen Fingern und das langsame wieder Auftauen zuhause bei Keksen und Kakao. Ihre Mutter hatte seinerzeit an diesem Tag immer ein wenig vom sorgsam gehüteten Weihnachtsgebäck hergegeben und sie erinnerte sich mit ein wenig Wehmut an das Zusammensitzen oft noch in Jacke und Handschuhen in der Küche. Das Ausziehen lohnte nicht, weil der Baum meist noch an seinen Endstellplatz verbracht werden musste und schneebedeckt vor der Tür lag. Wirklich helfen konnten die Kinder ihrem Vater dabei nicht – aber er hatte sie das nie spüren lassen. Das wurde ihr ebenfalls heute zum ersten Mal klar. Eigentlich hatten sie ihm in den Füssen gestanden die gesamte Zeit, aber nie fiel ein böses Wort. Der Kauf des Christbaums und die dazu gehörigen Tätigkeiten waren Ritual gewesen. Eines der Dinge, die sie schmerzlich vermisste. Dieses – und noch viel mehr.

Weitere Erinnerungsmails begleiteten ihren „Weg zurück nach Weihnachten“. Interessanterweise blieben sie nach wie vor ohne Text doch im Gegenzug zu dem schwindenden Bild in den eMails entstand auf der Internetdomain ein neues Bild. Noch war nichts erkennbar – außer Schemen und Umrisse – und wie ein Kind begann sie, sich auf jede kommende Mail zu freuen, denn mit dieser würde wieder ein Stück mehr an dem Bild auf der Domain entstehen. Das wusste sie.

Schneller als erwartet kam der Dezember heran. Scheinbar auf Knopfdruck begann der erste Dezember mit Nachtfrost und Raureif. Tief sog sie auf ihrem Balkon die frostige Luft in ihre Lungen. Selbst diese schien ein bisschen etwas ihrer Kinderzeit mitzubringen.

Die Welt roch anders, wenn es kalt wurde. Das war ihr noch nie so wirklich bewusst geworden, aber jetzt spürte sie es mit jeder Faser ihres Körpers. Statt der Kälte den Weg zu verwehren, genoss sie diese in vollen Zügen.

Als das Wetter schlussendlich ein paar Tage später mit Schnee daherkam, fand sie sich dabei wieder, diesen zu genießen. Wiederum zum ersten Mal seit langen Jahren fiel es ihr nicht schwer, den Wagen stehen zu lassen und ihre Einkäufe zu Fuß zu erledigen. Die im Übrigen komplett anders aussahen, als noch die vom letzten Jahr. Weihnachtsnaschereien in den unterschiedlichsten Arten vermehrten sich in ihren Einkaufstaschen zu einem bunten Potpourri und was sie nicht am PC direkt naschte, landete auf einem großen, bunten Teller, den sie in die Mitte ihres Adventskranzes auf ihrem Esszimmertisch stellte. Nur selten saß jemand an diesem, für sie eigentlich viel zu großen Tisch, aber in diesem Jahr störte sie dieser Umstand nicht. Sie nutzte die freie Tischfläche, schmückte sie mit festlich vorbereiteten Tannenzweigen, und wie seinerzeit in Kindertagen zog sie am 04. Dezember los und suchte einen Blumenladen auf, der Kirschzweige im Angebot hatte. Eine Bodenvase kaufte sie gleich mit dazu. Wenn sie Glück hatte, würden die Zweige am 24. Dezember blühen – und wie ihre Mutter seinerzeit, plante sie, die später getrockneten Äste zusammen mit Korkenzieherhaselnuss- und Forsythienästen im Frühjahr zum Osterstrauß umzufunktionieren. Inzwischen kamen die Emails täglich und das zunehmend verblassende Bild machte sie nicht länger traurig, denn das Bild auf der Domain wuchs und gedieh. Die ursprünglich nostalgisch anmutende Darstellung wich einer moderneren. Zwar gab es auf dem neuen Bild keinen Kamin mehr, aber dennoch wurde die Darstellung des modernen Weihnachtszimmers von viel Licht und Wärme begleitet. Täglich nahm das Bild an Intensität und Tiefe zu. Hatte vorher ein altdeutsches massives Eiche Sofa den Raum dominiert, stand an seiner Stelle jetzt eine moderne Wohnlandschaft. Auf einer Decke, der man ihre Weichheit und Wärme regelrecht ansehen konnte, räkelte sich eine Katze. Statt des Kamins sah sie jetzt einen modernen Heizkörper, doch war er geschmückt mit Tannengirlanden, roten und goldenen Schleifen.

Am 24.Dezember war das Bild in der Email nur noch als Schatten zu erkennen. Ein Schatten, den ein Satz zierte: „Es war einmal“. Das Bild auf der Internetpräsenz trug endlich ebenfalls einen Text …

„Liebe Freunde von Weihnachten,

Ich hoffe, es ist mir gelungen, es wieder in Euch zu wecken. Dieses Gefühl, ohne das die letzten Jahre nicht vollständig zu sein schienen. Ich hoffe, ihr habt verstanden, dass Warten nicht immer mit Nichtstun oder Untätigkeit zu tun haben muss, sondern mit Bewusstsein und bewusstwerden. Als Kinder lernten wir die Rituale, die der Alltag uns als Erwachsene vergessen ließ, doch ihr Verschwinden hinterließ Lücken, die nichts anderes zu füllen imstande war. Es war und es ist nicht zu spät dafür, das Kind in uns wieder zu wecken – wir müssen es einfach nur tun!“

Unterschrieben war dieser Text mit: „Ein Freund“

Am Baum auf dem Bild – wie an ihrem – erhellten echte Kerzen die Nacht des Heiligen Abend.

Text mit freundlicher Genehmigung dem Buch „Weihnachten im Herzen“ von Britta Wisniewski, ISBN 978-3-7467887-46 entnommen.